Mein Trip zur TYPO Berlin 2015

Im letzten Jahr erzählte ich Sebastian von der Idee, zur TYPO nach Berlin zu fahren. Woraufhin er mit entgegnete: „Da versuche ich auch schon seit Jahren hinzufahren, habe es aber bisher leider nie geschafft. Aber dann fahr du mal und dann freuen wir uns auf einen schönen Vortrag von dir“!

Wow, cool! Große Freude machte sich in mir breit: Ich durfte also vom 21. bis 23. Mai zur TYPO nach Berlin fahren. Das bedeutet: Drei Tage in der bunten Hauptstadt unterwegs sein, rund 1.650 Kreative aus 42 Nationen treffen und aus 57 Vorträgen und 11 Workshops die für mich passenden auswählen. Ich konnte es gar nicht mehr erwarten. Glücklicherweise verliefen die Wochen wie im Flug – und schon stand ich am 21. Mai mitten in Berlin im Haus der Kulturen der Welt auf der TYPO 2015.

Gleich der erste Vortrag beeindruckte mich sehr. Tina Roth Eisenberg, eine Grafikdesignerin und Unternehmerin aus New York, erzählte mit sehr viel Herz und Enthusiasmus, wie ihre Lieblingsjobs, die sie ursprünglich nur nebenbei erledigte, ihrer Karriere eine neue Wendung gaben.

Vortrag 1: Die beste Art der Beschwerde: Selber machen!

Als Tina mit Ihrer Tochter schwanger war, wurde ihr bewusst, dass sie viele Träume hatte, die sie gern umsetzen wollte, wie zum Beispiel die Eröffnung ihres eigenen Designstudios. Aber sie hatte bis jetzt immer auf den richtigen Moment gewartet. Schließlich machte sie etwas Verrücktes: Sie eröffnete ihr Designstudio ausgerechnet an dem Tag als ihre Tochter zur Welt kam!

Drei Jahre später löste die Schwangerschaft mit ihrem Sohn wieder etwas in Tina aus. Sie merkte auf einmal, dass sie nicht mehr im Auftrag von Kunden arbeiten wollte. Denn das, was sie glücklich machte, waren ihre selbst initiierten Projekte. Außerdem stellte sie fest, dass das Muttersein und das Chefinsein durchaus etwas miteinander zu tun haben. Denn wie der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung sagte: „Nichts hat einen stärkeren psychologischen Einfluss auf ihre Umgebung und besonders auf ihre Kinder als das ungelebte Leben der Eltern“.

Also startete Tina in den vergangenen neun Jahren mehrere kleine eigene Projekte, die sich im Laufe der Zeit als erfolgreiche Unternehmensideen erwiesen. Zwei dieser Projekte sind der Gemeinschaftsarbeitsplatz FRIENDS und eine völlig kostenlose global stattfindende monatliche Vortragsreihe mit dem Titel CreativeMornings.

Aufgrund der vielen unterschiedlichen Projekte fällt es Tina oft schwer, auf die Frage zu antworten, was sie beruflich eigentlich mache. Daher stellte sie diese Frage eines Tages ihrer Tochter und bekam folgende Antwort: „Mama, du sitzt vor deinem Computer und lachst“. Und genau diese Aussage bringt Tinas Gedanken und Wertvorstellungen von ihrer Arbeit auf den Punkt. Tina ist es wichtig, Spaß bei der Arbeit aber auch im Umgang miteinander zu haben. Daher ihre Aufforderung: Seid großzügig und nett am Arbeitsplatz. Wie schon die französische Philosophin Simone Weil sagte: „Aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste Form von Großzügigkeit“.

Doch wie erreicht man es, dass genau diese Wertvorstellung bei der Arbeit und Zuhause gelebt wird? Tina dachte viel darüber nach, was es ausmacht, eine gute Mutter und gleichzeitig auch eine gute Chefin zu sein.

Das sind die Werte, die sich für Tina in den letzten neun Jahren sowohl als Mutter als auch als Chefin bewährt haben und die auch ich für meine Arbeit hilfreich finde:

  1. Vergleiche nicht, mach es besser!
    Lasst euch eine Lösung einfallen, um das Problem zu lösen, oder lasst es bleiben.
  2. Treibt euch gegenseitig an, besser zu sein!
    Ihr seid dafür verantwortlich, euch selbst und andere anzutreiben, damit eure Arbeit noch besser wird. Setzt euch dafür ein!
  3. Startet mit dem Herzen!
    Transparenz, Identifikation, Nachdenklichkeit und Respekt sind der Anfang jeder Entscheidung.
  4. Ja, meint ja!
    Denkt nach, bevor ihr „ja“ sagt! Denn eine Zusage bedeutet, zu euerm Wort zu stehen, es zu halten und ein Ergebnis zu liefern.
  5. Seid begeistert!
    Nehmt jede Aufgabe als Chance an.
  6. Entfacht das Feuer!
    Feiert und würdigt das Mitwirken eures Teams, bevor ihr euch selbst lobt.
  7. Lasst es leuchten!
    Seid Kämpfer im Dienst der Freude. Gebt allem was ihr tut die Möglichkeit, ein Lächeln hervorzurufen.

In einem weiteren Vortrag erfuhr ich, dass neben sichtbarer Schrift auch unsichtbare existiert. Sophie Beier, eine Schriftgestalterin und Lehrbeauftragte aus Kopenhagen, erläuterte in ihrem Vortrag mithilfe neurowissenschaftlicher und psychologischer Studien die Wirkung von Schrift auf uns Menschen.

Vortrag 2: Der Charakter der Schrift

Wer einen Text liest, kann sich nicht gleichzeitig auf seinen Inhalt und auf den Charakter der Schrift, in der er geschrieben ist, konzentrieren. Das liegt daran, dass sich das menschliche Gehirn unterschiedlichen Dingen nicht gleichzeitig mit derselben Aufmerksamkeit widmen kann. Dies machte Sophie Beier anhand eines aufwendig verzierten bunten Glasfensters deutlich. Es ist zwar wunderschön anzusehen, doch seinen Zweck, dass man hindurchsehen kann, erfüllt es nicht. Als ähnlich störend empfindet es ein Leser, wenn er extrem schnörkelig gestaltete Schrift lesen muss. In einer Headline kann eine außergewöhnliche Schrift zwar eine tolle Wirkung haben, doch im Fließtext möchte man lediglich informiert werden und zügig die Informationen aufnehmen.

Schrift vermittelt aber auch eine Wertvorstellung. In einer Studie wurden zwei Pralinenverpackungen mit Schrift gestaltet, einer einfachen Schrift und einer Schreibschrift. Anschließend wurden Leute angesprochen, die Pralinen zu probieren. Die meisten entschieden sich für die Pralinenpackung mit Schreibschrift, da diese auf den ersten Blick hochwertiger aussah.

Merken sollten wir uns also, dass der Leser konservative Schriften bevorzugt, von denen er nicht überrascht wird. Er kann sich zwar auf etwas einstellen, doch dies sollten Designer nicht ausreizen. Je mehr sich die Schrift an ihrem Grundgerüst orientiert, desto besser ist sie lesbar.

Um noch einmal zum Beispiel des Fensters zurückzukehren: Wichtiger als eine hübsche bunte Verzierung ist, dass man in der Lage ist, es zu öffnen um zu sehen, was draußen los ist.

Es waren drei aufregende und bereichernde Tage auf der TYPO und ich finde es großartig, dass ich für INMEDIUM dabei sein durfte. Zwar habe ich mich nicht in eine neuen Schrift verliebt – dafür gibt es einfach zu viele –, dafür komme ich mit vielen neuen Ideen und Inspirationen nach Neumünster zu INMEDIUM zurück.