The Responsibility Process® von Christopher Avery

Wir alle wollen verantwortungsvolle Menschen in unserem Umfeld. Wir wollen verantwortungsvolle Kollegen, die Project Owner ihrer Projekte sind. Wir wollen verantwortungsvolle Ehepartner, die unsere Lebensplanung mitgestalten und Probleme lösen. Wir wollen verantwortungsvolle Freunde, die kreative Ideen für ein aktives Miteinander finden. Wir wollen verantwortungsvolle Kinder, die ihr Zimmer aufräumen und die Handschuhe nicht verlieren.

Bei so viel Erwartung an die Umwelt ist es immer eine gute Idee, bei sich selbst anzufangen. Christopher Avery hat es getan und herausgefunden, dass wir alle sehr ähnlich ticken, wenn es ums Verantwortung-Übernehmen geht.

Wir sind also nicht grundsätzlich verantwortungsvoll oder grundsätzlich verantwortungslos. Vielmehr durchlaufen wir in jeder Situation, bei jeder Problemstellung mehrere Phasen. Vieles davon läuft unbewusst und in Millisekunden ab. In einigen Phasen verweilen wir bevorzugt etwas länger. Und je nach Problemlage und persönlicher Veranlagung brauchen wir in bestimmten Phasen einen besonderen Anreiz um zu befriedigenden Ergebnissen zu kommen. Der Responsibility Process von Christhopher Avery ist also vor allem ein Modell zur Selbstreflextion.

Denial

Es beginnt mit dem Leugnen, dem Ignorieren, dem bewusst oder unbewusst Nicht-Wahrhaben-Wollen. Entweder sehe ich die Situation nicht, die verantwortungsvolles Handeln erfordert, oder ich will sie nicht sehen.

„Vielleicht gibt es ja gar kein Problem… Vielleicht ist es ja nur eine einmalige Sache… Es kommt bestimmt nicht wieder vor!“

Später sagen wir oft, wir hatten es ja schon geahnt. Alle wussten ja, dass es nicht ganz rund läuft.

Diese Phase ist gar nicht so nutzlos, wie sie zunächst scheint. Denn tatsächlich erfordert nicht jedes Problemchen sofort unsere Aufmerksamkeit. Diese Phase sorgt für eine Selektion. Damit wir nicht jeder Nichtigkeit mit der vollen Wucht der Verantwortungsübernahme begegnen.

Lay Blame

Nehmen wir doch einen Störfaktor wahr, neigen wir dazu, zunächst einen Schuldigen zu suchen. Ganz intuitiv geht unser Unterbewusstsein davon aus, dass ICH nicht das Problem sein kann. Dann müssen es wohl ANDERE sein. Dabei ist es unerheblich, wie absurd die Unterstellungen manchmal sind. Mindestens einen Moment lang gehen wir davon aus, dass jemand anderes an diesem Problem Schuld ist.

Wenn das Projekt nicht rechtzeitig fertig wird, hat das Management schlecht geplant. Wenn die Inspiration nicht kommen will, hat der Kunde schlecht gebrieft. Wenn ich die Turnsachen meiner Kinder für den Nachmittag zuhause vergessen habe, dann frage ich mich, warum meine Familie nicht auch mal mitdenken kann. „Immer muss ich an alles denken. DIE ANDEREN können doch wohl auch daran denken!

Wir alle kennen Menschen, die auch bewusst, aktiv, kreativ und mit dem größten Vergnügen in dieser Phase verweilen.

Justify

„Andererseits… Es ist ja auch kein Wunder, dass ich die Turntasche vergessen habe. Der Morgen war der Horror! Da kam einfach alles zusammen. Überhaupt vollziehe ich jeden Tag einen Drahtseilakt mit Familie und Beruf. Das ist eben so in unserer Gesellschaft. Niemand kann immer an alles denken.“

„Und wie sollte das Projekt auch rechtzeitig fertig werden, wenn doch die Erkältungswelle die ganze Stadt lahmgelegt hat?“

In dieser Phase sind wir einfach Opfer der Umstände. Irgendwas ist immer. Auch diese Phase ist allgemein beliebt. Wer erwischt sich dabei nicht?

„Wir machen alle diese Phasen durch. Es ist jedoch wichtig für uns selbst, die folgende Erkenntnis zu gewinnen: Solange ich mich in den ersten drei Phasen des Verantwortungsprozesses befinde, wird es keine Handlung, keine Maßnahme, kein Ergebnis und keine Verbesserung geben. Also lasst uns schnell weitermachen.“

Shame

Einige von uns erkennen sehr schnell, dass es nur einen Grund für das Versagen geben kann. MICH SELBST.

„Immer bin ich mit meinem Projekt im Verzug.“

„Alles machen wir falsch.“

„Andauernd vergesse ich die Turnsachen meiner Töchter. Und die Reitsachen am Donnerstag auch ganz oft. Verdammt, was bin ich für ein verantwortungsloser Mensch.“

Auch sehr beliebt bei Frauen: Was bin ich für eine schlechte Mutter/Ehefrau/Freundin. Es ist sowieso auffällig, dass Frauen oft viel gründlicher in der Shame-Phase verweilen als Männer.

Für Viele fühlt sich diese Phase bereits nach Handlung an. Man hat das Problem ja nun akzeptiert, sich dazu bekannt. Bekennt man sich öffentlich zum Problem, sieht es auch für andere so aus, als wäre man verantwortungsvoll.

„Also die Sabine, die hat ja den Mist verbockt, aber es tut ihr ja so leid. Die Arme.“

„Und der Herr Schröder, der hat sich ja versetzen lassen, wegen des Projektverzugs. Endlich übernimmt er die Verantwortung.“

„Es ist aber offensichtlich, dass die Ergebnisse der Shame-Phase zur Lösung des eigentlichen Problems nicht viel beitragen.“

Obligation

Von Scham getrieben, geloben wir endlich Besserung. Wir fragen uns, wie verantwortungsvolle Menschen wohl mit dem Problem umgehen würden.

„Dann muss ich wohl besser auf die Meilensteine und den Zeitplan im Projekt achten.“

„Dann gehe ich wohl ab jetzt zu diesen Meetings.“

„Dann packe ich die Turntasche bereits abends ins Auto. Das machen gute Mütter ja so. Sie bereiten abends den nächsten Tag vor.“

Wir verpflichten uns zu tun, was zu tun ist. Aber eben fremdbestimmt. Die Handlung, die daraus erfolgt, ist wenig kreativ. Sie erscheint uns folgerichtig, ruft aber keine Begeisterung hervor. Handlung durch Verpflichtung eben.

„QUIT: Manchmal passiert es uns, dass wir irgendwo zwischen diesen Phasen aus dem Problem aussteigen. Es ist die innere Kündigung. Wir sind dann nicht mehr an einer selbstverantwortlichen Lösung interessiert. Dienst nach Vorschrift ist das Resultat. “

Responsibility

Wenn wir jedoch gute und nachhaltige Ergebnisse haben wollen, reicht die verpflichtende Handlung nicht aus. Nur wenn wir aus der inneren Haltung heraus die Verantwortung übernehmen wollen, entfaltet sich eine kreative Kraft. Wir schöpfen aus der Fähigkeit, sich die Situation zu eigen zu machen und vollständig in Verantwortung zu gehen. Dieser Schritt ist selten instinktiv. Es ist eine bewusste und selbstständige Entscheidung.

Wir sprechen hier von einer intrinsischen Motivation, von Ownership. Diese Art von Verantwortung kann man niemandem übertragen. Man kann sie aber empfinden. In dieser Phase entstehen kreative und nachhaltige Ergebnisse.

Aus dieser Phase heraus entscheide ich mich bei der Planung des nächsten Projektes aktiv mitzumachen. Ich entscheide mich auch für ein Monitoring-Werkzeug, das zu mir passt.

Aus dieser Haltung heraus akzeptiere ich, dass ich abends einfach keine Lust habe, die Turntasche der Kinder vorzubereiten. Und mir kommt die Idee, dass ich alles, was die Kinder für ihre Aktivitäten in der Woche benötigen, in vielfacher Ausfertigung im Kofferraum meines Autos haben kann.

In dieser Haltung spreche ich anders. Ich verwende vermehrt Ich-Botschaften, keine Man-Aussagen. Ich ersetze die Formulierungen „ich soll“ und „ich muss“ durch „ich will“ und „ich werde“.

„Man muss zum Daily-Scrum-Meeting, damit der Chef informiert ist.“ (Obligation)

„Ich will am Daily-Scrum-Meeting teilnehmen, um das Team über meine Projekte zu informieren.“ (Responsibility)

„Selbst wenn in der Responsibility-Phase die gleiche Handlung wie in der Obligation-Phase erfolgt, entscheidet die innere Haltung über die Kraft, den Erfolg und die Nachhaltigkeit der Ergebnisse.“